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Das Leid mit den sozialen Netzen

Allerorts tönt es „Web 2.0“, „User-Generated Content“ und „Social Networking“. Was auf den ersten Blick alles verdammt schön, neu und […]

Allerorts tönt es „Web 2.0“, „User-Generated Content“ und „Social Networking“. Was auf den ersten Blick alles verdammt schön, neu und innovativ aussieht, verliert leider einiges an seiner Faszination, wenn man sich etwas stärker damit beschäftigt.
Fast allen Dingen im Web 2.0 liegt eine recht gute Idee zugrunde. Endlich werden die Möglichkeiten, die das Web eigentlich schon seit Jahren bietet, auch genutzt – überall sehen wir Blogs, Social-Bookmarking-Dienste und die nun hier gleich thematisierten Social Networks.
Das leider sehr sehr besorgniserregende an diesen ist die Leichtsinnigkeit, mit der deren Nutzer sich in ihnen bewegen. Es folgt eine Darstellung der Gefahren von Facebook, StudiVZ etc. – inklusive Workshop „Wie verbaue ich mir meine Zukunft“.

Das wohl bekannteste und größte Social Network – Facebook – machte die letzten Wochen wieder Schlagzeilen. Unser aller Lieblingskonzern, das Prestigeobjekt der freien Marktwirtschaft, Kapitalismus in Reinform, hat sich 1,6% von Facebook gekauft. Für 240 Millionen Dollar. Die Rede ist – natürlich – von Microsoft.
Dies hat mich endgültig dazu bewogen, der Plattform meinen Rücken zu kehren – und so loggte ich mich ein und wollte mein Profil löschen. Mit dem Ergebnis: Das ist nicht möglich.
Zwar lässt sich ein Facebook-Account problemlos deaktivieren – alle Daten über mich bleiben aber dennoch öffentlich verfügbar, und wenn ich mich einmal wieder einlogge, ist wieder alles wie vorher. „Logout“ wäre also ein passenderer Name für die Funktion.
„Na gut“, dachte ich mir, „dann lösche ich eben die Daten“. Weit gefehlt – zwar konnte ich die (sowieso schon sparsamen) Angaben über mich löschen. Doch eine Namensänderung ist leider nicht möglich. Mein Name (zusammen mit meinem Geburtstdatum) bleibt dort also bis in alle Zeit in LCD gemeißelt stehen. Erst ein längerer E-Mail-Verkehr mit der Leitung von Facebook führte letztlich dazu, dass mein Account tatsächlich gelöscht wurde. In wie weit die Daten trotzdem noch irgendwo gespeichert sind, kann ich natürlich nicht sagen.

Soweit also meine persönliche Erfahrung mit Facebook.

Sicher verbinden die meisten Menschen durchaus positive Erfahrungen mit den Social Networks. Endlich kann man seine Freunde zentral verwalten, ist immer up-to-date, was ebendiese zur Zeit machen, kann ihnen mitteilen, was man selbst gerade tut, und kann ihnen z.B. die Fotos der letzten Party zur Verfügung stellen. Wo man früher mühsam E-Mails schreiben musste oder gar CDs brennen und verschicken musste, kann man solche Aufgaben alle zusammen komfortabel z.B. mit Facebook erledigen. Aber nicht nur die bestehenden Freunde und Bekanntschaften können verwaltet werden, natürlich kann man auch massig neue Menschen kennenlernen und mit ihnen chatten etc. Beispielsweise kann man sich auflisten lassen, wer alles auf die gleiche Universität geht, den gleichen Arbeitgeber hat, im gleichen Ort wohnt oder wer in den gleichen Organisationen tätig ist.
Soweit klingt das ja alles schön und gut und ziemlich Web 2.0.

Leider denken die wenigsten User nun einen Schritt weiter.
Denn immer wieder scheinen die Menschen zu vergessen, dass sie sich hier nicht in der Kneipe um die Ecke befinden, sondern im Internet. Das nunmal die Möglichkeit mit sich bringt, dass die preisgegebenen Informationen nicht nur dem eigentlichen Adressaten zur Verfügung stehen, sondern weltweit öffentlich sind. Immerhin bieten die meisten dieser Communities inzwischen Funktionen zum Schutz der Privatsphäre an, und User können individuell einstellen, welche Informationen öffentlich sind, welche nur angemeldeten Usern zur Verfügung stehen und welche nur als „Freunde“ markierte Nutzer sehen können. Doch in den Standardeinstellungen sind die meisten Informationen allen zugänglich – schließlich wollen die Betreiber der Webseiten ja die Transparenz der User. Wenn mehr Informationen öffentlich sind, bilden sich eben mehr Kontakte, wodurch die Seite mehr genutzt wird.
Dies bringt uns zu der Intention der Anbieter. Einige Web-2.0-Dienste starteten sicher einmal als innovative Website, die dem Selbstzweck diente. Die Gründer der Dienste hatten sicher teilweise noch Visionen und ihr Ziel war es, eine lebhafte Community zu erschaffen, in der Menschen ihre sozialen Kontakte pflegen können. So jemand war z.B. einmal Mark Zuckerberg, der Gründer von Facebook.
Doch heute ist der Sinn dieser Dienste garantiert ein anderer – schließlich lässt sich mit Werbung im Internet ein Vermögen verdienen. Deswegen ist Zuckerberg inzwischen Multimillionär. Das alleine wäre ja noch kein Problem – da hatte eben einer eine Idee, hat diese umgesetzt und hatte Erfolg damit. Warum sollte er also nicht die Chance nutzen, damit auch Geld zu verdienen.
Doch der „Wert“ dieser Plattformen beläuft sich mittlerweile schon lange nicht mehr auf die Werbeeinblendungen. Der Wert sind die User – und ihre Daten.

Auf den Betrachter zugeschnittene Werbung ist ja nichts Neues. Google machte es vor und wohin das führt, sahen wir schon in Minority Report. Und an sich ist da ja auch nichts Schlimmes daran, wenn ich Werbung zu Gesicht bekomme, von der ein Computer überzeugt ist, dass sie zu mir passt, da er diverse Daten über mich hat. Es mag zwar nerven, aber das tut Werbung schon immer – und besser sehe ich doch Werbung, die vielleicht auch interessant für mich ist.
Doch es zeigt sich dabei, wie einfach es ist, mit diversen Daten Persönlichkeitsprofile zu erstellen, die ein gewisses Bild einer Person schaffen. Einem typischen Facebook-Profil lässt sich neben dem Namen und dem Geburtsdatum einer Person normalerweise auch noch entnehmen, wo sich die Person zur Zeit aufhält, was sie dort macht, außerdem Hobbies und politische Einstellungen. Mit wem die Person wie gut befreundet ist und in welchen „Gruppen“ sie aktiv ist, ist genauso transparent wie ihre Gespräche mit Freunden und Bekanntschaften. Außerdem lassen sich hochgeladene Bilder ansehen, auf denen die Person zu sehen ist – interessant ist hier die Möglichkeit, Bilder von anderen Leuten hochzuladen und darauf hinzuweisen, dass sie auf dem Bild zu sehen sind. Ich kann also ein Partybild hochladen und genau sagen, wer hier nun so glasig in die Kamera schaut und grade sein zehntes Bier leert.

Dass solche Informationen in den falschen Händen ein höchst fragwürdiges Bild einer Person zeichnen, ist klar. Vor allem für potentielle zukünftige Arbeitgeber stellen sich die sozialen Netze immer wieder als Goldgrube heraus, um die Schattenseiten eines Bewerbers herauszufinden.
Schaut man sich die Privatsphäreneinstellungen bei einer Reihe von Profilen an, sieht man schnell, dass die meisten Benutzer ziemlich freigiebig mit Informationen über ihre Person sind. Natürlich, denn man möchte ja auch von anderen Leuten gefunden werden. Wenige scheinen darüber nachzudenken, dass sich jeder im Handumdrehen ein Profil anlegen kann und so kann man die Informationen auch gleich auf ein Schild schreiben und damit durch die Straßen laufen.
Die zwanghaften Versuche, den Eindruck von Sicherheit zu erwecken, erscheinen mehr als blauäugig, wenn man aufmerksam die Nachrichten verfolgt. Es gehört heute scheinbar zum guten Ton eines sozialen Netzwerkes, dass die Datenbank schon mal kompromittiert wurde. Also dass sie ausgelesen und möglicherweise auch verändert wurde. Immer wieder hört man auch von Crawlern, also kleinen Computerprogrammen, die Profile abgrasen und die relevanten Daten speichern. Eine schöne Machbarkeitsstudie wurde z.B. von Studenten der Stuttgarter Merz-Akademie durchgeführt.
Denn – das sollte jedem, der im Internet unterwegs ist, bewusst sein – alles, was ich auf irgendeiner Website schreibe, wird in einer zentralen Datenbank gespeichert. Es ist eine einfache Tabelle, in der z.B. alle Profileinträge aller angemeldeten User einer solchen Seite gespeichert sind. Eine weitere Tabelle enthält alles, was irgendjemand irgendwo in ein Forum geschrieben hat etc. Normalerweise sind diese Tabellen natürlich nicht öffentlich, und nur das System hinter einer Website greift darauf zu, um die Daten auf der Website anzuzeigen, wenn z.B. jemand ein Profil anschaut.
Aber was ist, wenn jemand diese Tabellen einfach kopiert?
Er hat plötzlich eine umfangreiche Tabelle mit Daten über Menschen, die diese z.B. nur ihren engsten Freunden zur Verfügung stellen wollten. Dies ist in der Vergangenheit schon mehrfach passiert. Und diese Daten sind der eigentliche Wert dieser sozialen Netze. Nicht nur für Unternehmen, sondern auch für Regierungsorganisationen.

Bisher habe ich mich hauptsächlich auf Facebook bezogen. Hierzulande ist StudiVZ wohl bekannter und beliebter – doch letztlich ist es das gleiche. Ursprünglich entstand es ja, weil es Facebook nicht auf Deutsch gab. Dies erklärt auch die verblüffende Ähnlichkeit in Aufbau und Struktur der beiden Dienste. Inzwischen wurde StudiVZ an den Holtzbrinck-Konzern verkauft und mutierte innerhalb kürzester Zeit zur wohl größten Datenbank deutscher Studenten. Kaum jemand, der in Deutschland studiert, ist nicht dort angemeldet. Millionen Studenten vertrauen tagtäglich ihr Leben einer betont auf ein legeres Erscheinungsbild getrimmten Website an, die einem der größten deutschen Medienkonzerne gehört. Teilen ihr mit, was sie wann mit wem gerne tun oder tun würden, was sie bevorzugen, was nicht, was sie wählen und wen sie nicht mögen.
So hat sich ein Instrument entwickelt, mit dessen Hilfe sich beängstigend umfangreiche Daten über die künftige arbeitende Generation sammeln lassen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Aber was soll man tun? Schließlich ist es doch hip, bei StudiVZ zu sein. Und man möchte ja auch mit seinen Freunden in Kontakt bleiben.
Natürlich. Aber man sollte sich immer bewusst sein, welche Informationen man hier jedem zur Verfügung stellt.
Gerade in Zeiten, wo jeder Angst vor dem Überwachungsstaat hat – zurecht – ist es geradezu absurd, wenn man auf der anderen Seite bereitwillig für sich selbst Big Brother spielt.

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