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Der Anfang vom Ende…

…des Internets. Zumindest das Ende des Internets, wie wir es kennen – nichts geringeres wird zur Zeit eingeleitet. Und es […]

…des Internets.

Zumindest das Ende des Internets, wie wir es kennen – nichts geringeres wird zur Zeit eingeleitet. Und es fängt mit Kleinigkeiten an, die für sich betrachtet ersteinmal harmlos erscheinen:
t-online-navigationshilfe
Vor einigen Tagen führte der größte deutsche Internetprovider T-Online die sogenannte »T-Online Navigationshilfe« ein. Gibt mal als Telekom-Kunde eine Internetadresse falsch ein, bekommt man nicht die übliche, vom Browser generierte Fehlerseite, sondern wird auf eine Seite der Telekom umgeleitet, die eine Suchfunktion für die richtige Adresse bereitstellt – und vor allem viel Werbung.
Dazu kommt noch, dass dieses Feature nicht groß angekündigt wurde, sondern einfach kommentarlos bei allen T-Online-Kunden aktiviert wurde (sonst würde es wohl auch niemand benutzen…). Hier maßt sich also ein Provider an, sich zwischen das Internet und den Benutzer zu stellen und den Internetverkehr nach eigenem Interesse zu kontrollieren bzw. zu ändern. Glücklicherweise lässt sich der Dienst deaktivieren.

Aber auch von anderer Seite weht ein rauerer Wind. Heute fielen die Urteile im Pirate-Bay-Prozess: Mit einem Jahr Haft und knapp 3 Millionen Euro Strafe bewies Schweden, dass es sich der Film- und Musikindustrielobby unterstellt und zu deren Werkzeug wurde.
piratebayZur Sache: thepiratebay.org ist eine spezialisierte Suchmaschine für Torrent-Dateien (die übrigens nach wie vor in Betrieb ist). An sich ist daran nichts auszusetzen, die Peer-to-Peer-Technik ist eine der sinnvollsten Techniken, die das Internet hervorgebracht hat (unter anderem der Fernsehdienst zattoo basiert darauf) – und auch Torrent ist an sich nichts Schlechtes und daher ist die Argumentation der Pirate-Bay-Betreiber schlüssig. Schließlich bieten sie nur eine Suchmaschine an – und über Google lassen sich genauso illegale Informationen finden. Natürlich weiß aber auch jeder, dass der Großteil der über das Torrent-Netz »getauschten« Daten urheberrechtlich geschützt ist. Trotzdem ist das nicht den Betreibern von Torrent-Suchmaschinen in die Schuhe zu schieben: vielmehr sollte das Problem an der Wurzel gepackt werden und diejenigen sollten zur Rechenschaft gezogen werden, die die Urheberrechte tatsächlich verletzen indem sie das Material online zugänglich machen. Nun müssen also die Pirate-Bay-Macher ihre Köpfe herhalten, während all die anderen Torrent-Suchmaschinen (von denen es im Internet schätzungsweise fast so viele wie Pornoseiten gibt) weitermachen wie bisher und das Problem überhaupt nicht bekämpft wird. Zu klären wäre auch, ob das Problem nicht viel eher sowieso an den zu restriktiven Rechteinhabern liegt…

Und auch in Deutschland favorisiert man Scheinlösungen, die das eigentliche Problem überhaupt nicht angehen: heute wurde der Weg für die Zensur des Internets auch in Deutschland geebnet.
Eigentlich hat zu diesem Thema die c’t schon alles gesagt – netterweise ist der Artikel der aktuellen Ausgabe aber auch online zu finden. Doch ich werde die Kernpunkte hier nochmal kurz aufgreifen:

Die CDU-Familienministerin v.d. Leyen befand zu Beginn des Jahres plötzlich die Kinderpornografie als großes Problem und hätte das Internet wohl am liebsten sofort abgestellt – der armen Kinder wegen. Natürlich ist das ein wunder Punkt, niemand wird bestreiten wollen, dass Kinderpornografie etwas böses ist und bekämpft gehört. Jedoch wurde laut c’t-Informationen seitens Kriminalexperten die Lage gehörig übertrieben, denn es wären nicht plötzlich sehr viel mehr Kinderpornos aufgetaucht. Überhaupt gäbe es gar keine »Kinderpornoindustrie«, vielmehr handele es sich bei 98% des Materials um jahre- bis jahrzehntealtes Material, das auch meist auf analogem Wege getauscht und weitergegeben würde, und zwar gratis unter Gleichgesinnten.
Natürlich gibt es auch einschlägige Webseiten – jedoch gibt es hier schon einen Weg, diese abzuschalten. Nämlich den, den es bei jeder Webseite mit illegalem Material gibt, seien das nun Kinderpornos, Bombenbauanleitungen oder Gewaltvideos: den Weg des Rechtsstaats, bei dem ein Richter innerhalb kurzer Zeit eine solche Website vom Netz nehmen kann. Doch das reicht der schwarzen Regierung offenbar nicht, die Websites sollen »gesperrt« werden, wie das in Skandinavien schon der Fall ist (und in China).

So soll die Sperrseite des BKA aussehen.

So soll die Sperrseite des BKA aussehen.


Hierfür gibt es mehrere Möglichkeiten. Die simpelste ist eine Sperrung auf DNS-Ebene, gewisse Domains werden also einfach umgeleitet und führen nicht mehr zu ihrem eigentlichen Bestimmungsort, sondern z.B. auf eine Seite, die über die Sperrung informiert. Dies ist eine Sperre, die überhaupt nichts bringt, und die innerhalb von Sekunden selbst von unbedarften Nutzern umgangen werden kann (indem einfach ein ungefilterter DNS-Server im Router oder im System eingetragen wird, wie das geht kann man bei Youtube in 30 Sekunden lernen).
Es können aber anstatt der Domains auch einfach die IP-Adressen von entsprechenden Servern gesperrt werden, sodass diese nicht mehr erreichbar sind. Auch das ist relativ einfach zu umgehen. Beide Systeme haben das Problem, dass sie eine hohe Fehlerquote haben. Meistens liegen auf Servern unzählige Websites nebeneinander – wird dann eine davon gesperrt, sind auch alle anderen nicht mehr erreichbar.
Brisant wird das vor allem, weil nicht vorgesehen ist, dass gewisse Seiten, die einmal gesperrt sind, nachher nochmal überprüft und gegebenenfalls wieder freigegeben werden. Wird also eine Website z.B. gehackt und mit Kinderpornos gefüllt, besteht keinerlei Chance, die Website nocheinmal zu nutzen. Tatsächlich soll es sogar verboten werden, den Inhalt der Sperrliste einzusehen und zu überprüfen.
Eine dritte Möglichkeit der Zensur ist die wirkungsvollste: eine Filterung von Inhalten. Anstatt also ganze Domains und Server abzuschießen, müssten übertragene Fotos und Videos überprüft und mit einer Liste abgeglichen werden. Im Fall des Falles können dann gezielt diese Inhalte blockiert werden. Um diese einzig sinnvolle Variante so umsetzen zu können, dass die allgemeine Internetgeschwindigkeit nicht auf 28k-Modem-Niveau zurückfällt, bräuchte man jedoch einen sehr hohen Hardwareaufwand und daher scheidet diese Möglichkeit auch aus.
Dazu kommt noch, dass das meiste Material, das sich auf diesen Sperrlisten befindet, einer näheren Prüfung nicht standhalten würde, zumindest konnte das in den skandinavischen Ländern festgestellt werden. Vieles wird also als Kinderporno abgestempelt, ist aber gar keiner. Aber es ist natürlich viel einfacher, etwas auf Verdacht hin auf eine Liste zu setzen, als einen Prozess anzustrengen, indem vermutlich herauskommen würde, dass es sich gar nicht um illegale Inhalte handelt.

Nun wurden also die größten deutschen Provider heute dazu gebracht, entsprechende Verträge zu unterschreiben, in denen sie sich zur Zensur verpflichten. Wie geplant soll das BKA eine Sperrliste erstellen und diese täglich an die Provider schicken. Diese sollen dann entsprechende Websites auf DNS-Ebene sperren – ohne Möglichkeit der Überprüfung von unabhängiger Seite und ohne Möglichkeit der Rückgängigmachung. Ob das mit dem Rechtsstaat vereinbar ist? Offensichtlich nicht, doch in den nächsten Wochen sollen die entsprechenden Gesetze geändert werden. Grundrechte, wohlgemerkt.
Offenbar scheint es hier aber nicht um den Kampf gegen Kinderpornografie zu gehen – dafür sind die Maßnahmen zu dilettantisch umgesetzt. Vielmehr scheint es um die Zensurmöglichkeit an sich zu gehen. Der Bundesverband der Musikindustrie regte schon an, man könne ja auch unliebsame Peer-to-Peer-Websiten oder eben Seiten wie Pirate Bay auf die Liste setzen (ähnliche Vorstöße ereigneten sich auch schon in Schweden und Dänemark, wo schon länger zensiert wird).
Und es geht noch weiter, auch gewaltverherrlichende Inhalte und Glücksspielseiten sollen auf die Liste kommen. Und vielleicht auch noch radikale politische Aussagen?
Dann noch ein Gesetz, das das Umgehen der Sperre unter Strafe stellt, und fertig ist das perfekte Zensurwerkzeug.

Wir werden uns also vom Internet, wie wir es kennen, verabschieden müssen. Die Zukunft ist kontrolliert und zensiert und zweifelhafte Downloadquellen wird es auch nicht mehr geben. Nach fast 40 Jahren beginnen Politik, Staat und Medienindustrie, das Internet für sich zu entdecken.

Weitere Informationen: »Verschleierungstaktik«, c’t 9/09

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