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Korrekte und falsche Striche

Es dürfte wohl der typischen Standard-PC-Tastatur und dem Desinteresse der PC-Nerds der ersten Stunde geschuldet sein, dass wir heute – […]

Es dürfte wohl der typischen Standard-PC-Tastatur und dem Desinteresse der PC-Nerds der ersten Stunde geschuldet sein, dass wir heute – insbesondere im Internet – fast überall gravierende typografische Fehler zu Gesicht bekommen.

Typografie ist im weitesten Sinne alles was mit Schrift zu tun hat, und ist daher eigentlich eng mit der Orthografie verwandt. Während letztere in der Schule gelehrt wird und glücklicherweise auch in breiten Teilen der Bevölkerung akzeptiert ist und auch angewandt wird, lernt man typografische Grundregeln normalerweise erst im Zuge einer einschlägigen Ausbildung. Dabei ist die korrekte Anwendung gewisser typografischer Regeln fast genauso wichtig für eine mühelose Kommunikation in Schriftform, wie eine korrekte Orthografie. Auch ich war mir der meisten dieser Regeln bis vor einiger Zeit nicht bewusst und machte die gleichen Fehler wie die meisten. Dabei ist es gar nicht so schwierig.

Anführungszeichen

Wo ist das Anführungszeichen auf der Tastatur?
Die meisten werden diese Frage wohl mit »über der 2« beantworten. Das ist aber leider falsch.
»Über der 2«, also mit Shift+2 erreichbar, liegt das Zollzeichen (") – es besteht aus zwei geraden, parallelen Strichen. Die korrekten deutschen Anführungszeichen sind dagegen „ “ – so lernt man das auch in der Schule. Vorne unten, hinten oben. Wichtig dabei: die Strichlein sind nicht parallel, sondern wie das Komma an einer Seite dicker (dort, wo man mit dem Stift beginnen würde). Und zwar bei der Variante am Anfang oben, bei der am Ende unten.
Auch aus der Schule bekannt sein dürfte, dass im Englischen die Anführungszeichen am Anfang auch oben stehen. Allerdings steht hier das, was im Deutschen am Ende steht (“), und am Ende das, was wir am Anfang unten setzen, allerdings oben (”) Korrekt im Englischen ist also “ ”, im Deutschen „ “.
Wer grundsätzlich das Zollzeichen verwendet, kann sich also nicht auf angelsächsische Prägung berufen – auch dort ist das falsch.
Dazu kommen noch die Guillemets, die französische Variante (« »). Diese werden im Deutschen auch eingesetzt, vor allem aus Büchern kennt man das. Dann allerdings mit den Spitzen nach innen (» «). Alle international verwendeten Varianten bei Wikipedia.
Für Zitate im Zitat gibt es natürlich all die Varianten auch noch in einer einfachen Form (‚ ‘ – ‘ ’ – ‹ ›).
Ganz schön verwirrend. Aber der korrekte Einsatz lohnt sich – wie bei der Orthografie haben die Regeln einen Sinn, und wer sie einsetzt, sorgt dafür, dass seine Texte angenehmer zu lesen sind und auch insgesamt ausgereifter wirken. Glücklicherweise ersetzen Textverarbeitungsprogramme wie OpenOffice, Pages oder Word das Zollzeichen automatisch mit den korrekten Symbolen, hier muss man sich also nicht weiter darum kümmern.
Anders ist es im Internet. Die meisten eingegebenen Symbole werden 1:1 übernommen, nur die wenigsten Systeme achten auf die korrekte Orthografie. Daher sieht man online fast ausschließlich die " " als Anführungszeichen. Das ist schade, und es stellt sich die Frage, ob sich das irgendwann noch ändern wird, oder ob die Regeln sich an diesen Gebrauch anpassen und wir irgendwann nur noch das Zollzeichen als einheitliches Anführungszeichen verwenden. Schade wäre es, denn sonderlich schön anzusehen ist es nicht und eine Unterscheidung für Beginn und Ende würde dann auch nicht mehr existieren.
Aber wie macht man nun die korrekten Zeichen?
Windows-Nutzer haben da leider ziemlich verloren, da die Standard-PC-Tastatur keine Tasten dafür hat. Es bleibt nur, die Unicodes einzugeben – was mir, zugegeben, wohl auch zu viel Arbeit wäre. Am Mac dagegen hat man eine Apple-Tastatur – und sie besitzt fast alle Sonderzeichen per einfacher Tastenkombinationen.

anfuehrungszeichen

Binde- und Gedankenstriche

Das gleiche Problem (wenn auch nicht ganz so komplex) besteht beim Bindestrich (-). Dieser heißt eigentlich »Viertelgeviertstrich« und darf nur als Bindestrich und als Trennstrich verwendet werden. Er wird ohne Leerzeichen direkt an die Buchstaben gesetzt und wird mit der bekannten »Strich-Taste« neben der Punkt-Taste erzeugt. Er sollte aber nicht für andere Zwecke missbraucht werden, da er gleichzeitig einen möglichen Zeilenumbruch anzeigt. Und bei einem Minuszeichen z.B. wäre dieser unerwünscht. Dummerweise gibt es das »echte« Minuszeichen zwar, aber keine gebräuchliche Tastatur besitzt eine Tastenkombination dafür. Auch Tastaturen mit Ziffernblock erzeugen beim Druck auf das dortige Minus einen Bindestrich.
Meist wird der Bindestrich aber als Gedankenstrich missbraucht. Dieser sollte aber länger sein, um ihn als solchen zu erkennen. Dafür gibt es den »Halbgeviertstrich« (–), der außerdem auch als Bis-Strich und bei Geldbeträgen verwendet werden sollte. Seltsamerweise stellen viele Schriftarten ihn fast gleich dar wie den normalen Bindestrich, aber (zumindest unter OS X) spricht durch sein Vorhandensein auf der Tastatur nichts gegen seinen korrekten Einsatz.
Aber es geht noch länger: der »Geviertstrich« wird im Englischen als Gedankenstrich verwendet und allgemein als Spiegelstrich (in Auflistungen) und in Tabellen.
Im Folgenden die Tastenkombinationen für OS X:

striche

Ellipse

Das letzte Zeichen, das gerne falsch bzw. überhaupt nicht verwendet wird, ist die Ellipse, auch Auslassungszeichen genannt. Es besteht aus drei Punkten (…), die aber im Gegensatz zu drei Einzelpunkten (…) zu einem Zeichen zusammengefasst sind und minimal kleiner sind.
Es steht bei Auslassung eines Wortes übrigens mit Abstand, bei Auslassung einzelner Buchstaben direkt ohne Leerzeichen an den anderen Buchstaben. Es ist auf PC-Tastaturen leider auch nur per Unicode-Eingabe vertreten, während es am Mac sehr einfach zu erreichen ist:
ellipse
Sicher, es erfordert eine kurze Lernphase, sich die typografisch korrekten Zeichen anzutrainieren. Doch wer wirklich korrekte Texte schreiben möchte, kommt nicht darum herum. Schon gar nicht im Internet, wo normalerweise keine Textverarbeitung auf den korrekten Einsatz achtet. Und Texte, die nicht nur orthografisch, sondern auch typografisch korrekt sind, liest man einfach leichter.

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