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Der Teufel fährt Fiat

Stuttgart, Dienstagnachmittag, ca. 15:30. Ich fahre entspannt nach Hause. Etwas weniger entspannt verhält sich die Fahrerin eines alten Fiat Punto, […]

Stuttgart, Dienstagnachmittag, ca. 15:30. Ich fahre entspannt nach Hause. Etwas weniger entspannt verhält sich die Fahrerin eines alten Fiat Punto, der mir schon ein paar Kilometer auffällt. Sie fährt dicht auf, wechselt häufig die Spur ohne zu blinken und fährt irgendwie komisch. Ich bin froh, als ich sie überholen kann. Irritiert beobachte ich sie noch im Rückspiegel. Langsam rolle ich auf eine rote Ampel zu, von der Dame dicht gefolgt. Als wir beide zum Stehen kommen, beobachte ich leicht beunruhigt, wie sie ihren Gurt löst – und aussteigt. Wir befinden uns auf einer vierspurigen Straße mit recht viel Verkehr, wohlgemerkt. Sie kommt zu mir.
Leichte Beunruhigung steigt in mir auf. Habe ich was falsch gemacht? Ich wüsste nicht was. Sie guckt böse zum Fenster herein und klopft an die Scheibe. Ich drehe das Radio leiser, öffne die Scheibe ein Stück und äußere ein irritiertes „Jaa…?!“.

An dieser Stelle sollte man erwähnen, dass ich mich ungefähr einen Kilometer vor Ort A befand, worauf auch ein großes Schild an der Kreuzung, an der ich stand, hinwies. Dort stand auch, dass es über Ort A zu Ort B ging.
Die Frau, schätzungsweise Mitte vierzig, mit wirrem Haar und bösen Augen, öffnet den Mund. „Gehts da jetzt nach B?????!!!!“, fragt sie sichtlich verärgert.
Ich bin erst beruhigt, dass sie mir nicht irgendwas vorwirft. Zu schnell gefahren, zu langsam gefahren, was weiß ich. Obwohl – irgendwie klang sie schon vorwurfsvoll. Vielleicht hat ihr die Farbe meines Autos nicht gefallen. Oder die Aufkleber.
„Ja…“, antworte ich. Bevor ich den Mund wieder geschlossen habe, schreit sie fast: „Und wie fahr ich da jetzt am besten???!!“
Unterdessen wird die Ampel grün, mein Vordermann fährt los. „Einfach durch A durch… dann kommen Sie direkt nach B.“, antworte ich, bemüht, freundlich zu klingen.

Kurz überlege ich, ob ich ihr sagen soll, dass sie mir einfach nachfahren soll. Ich möchte nämlich nach C, muss also auch durch B fahren. Entschließe mich dann aber dagegen, irgendwie habe ich Angst vor der Frau, die mich, die Hände in die Hüften gestemmt, immer noch böse anguckt. Als würde sie abschätzen, ob man mir trauen könne. Schließlich geht sie zurück zu ihrem Wagen, ich gebe Gas und versuche, möglichst schnell weg zu kommen.

Leider ist sie am Ende von A trotz geschätzten zehn Ampeln immer noch hinter mir. Sie lässt mich mit ihren bösen Augen nicht aus dem Blick, auch ihre Beifahrerin scheint irgendwas gegen mich zu haben. Die beiden schmieden teuflische Pläne gegen mich, da bin ich mir inzwischen sicher. Wir verlassen A und kommen an einer Kreuzung zum Stehen. Die Beschilderung verrät, dass es geradeaus nach B geht, rechts nach D. In der Ferne ist schon fast das Ortsschild von B zu erkennen. Ich halte an und lasse meinen Blick in den Rückspiegel schweifen. Die Frau hinter mir löst wieder ihren Gurt, steigt aus und kommt wutschnaubend auf mich zu. Instinktiv verriegele ich die Türen. Ich hebe die Augenbrauen und schaue sie fragend an, das Fenster nur einen Spalt geöffnet.
Wie ein Drachen, der gleich meinen Wagen abfackeln will, bläht sie ihre Nasenlöcher auf und blickt mich aus ihren bösen, kleinen Augen an. „Wann kommt denn B jetzt endlich???!!!!!!!!111“, schreit sie zum Fenster herein. Offenbar hätte sie kein Problem damit, mich mit einem Fingerschnippen auf alle Ewigkeit in die Hölle zu verbannen und von Fiats verfolgen zu lassen. Kleinlaut antworte ich, dass der nächste Ort B ist. Wieder dieser abwägende Blick, vermutlich überlegt sie, was sie mit mir anstellt, wenn ich nicht kooperiere. Das letzte Mal, dass ich dem blanken Hass so ins Gesicht gesehen habe, war, als mein ehemaliger Vermieter mich verprügeln wollte, weil ich einen Dübel in die Wand geschlagen habe. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Ampel wird grün, die Kollonne vor uns setzt sich langsam in Bewegung. Ich versuche, den bösen Blick zu erwiedern, schließe das Fenster und fahre los. Die Teufelfrau steigt ihn ihren Wagen und nimmt die Verfolgung auf. Mir reicht es.
Die Kreuzung. Geradeaus geht es nach B, rechts nach D. Über D komme ich auch nach C – also los. Vollgas, der Teufel jagt hinterher, geht fest davon aus, dass ich geradeaus nach B fahre. Im letzten Moment reiße ich das Steuer herum und biege mit quietschenden Reifen nach D ab. Ein letzter Blick in den Rückspiegel verrät mir, dass die Teufelfrau mit ihrer Schergin weiter gerade aus fährt, neuen Opfern entgegen.
In Ort C angekommen werfe ich noch einen vorsichtigen Blick auf die Straße aus B, aber keine Spur von ihr. Ich bin nochmal davongekommen. Für heute.

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