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Ein neuer Bahnhof für Stuttgart

Ich bin für „Stuttgart 21“, den futuristischen neuen Durchgangsbahnhof für Stuttgart mit der ICE-Neubaustrecke Stuttgart – Ulm. Warum? Überblick Seit […]

Ich bin für „Stuttgart 21“, den futuristischen neuen Durchgangsbahnhof für Stuttgart mit der ICE-Neubaustrecke Stuttgart – Ulm. Warum?

Überblick

Seit 1994 in Planung, soll im Rahmen von „Stuttgart 21“ folgendes passieren:

Der momentane Bahnhof. Schön zu sehen das Hauptgebäude mit Turm rechts und der Nordflügel im Zentrum. Von Links kommen die Züge an. Im Hintergrund der Schlossgarten.


Der neue Bahnhof. Rechts wieder das Hauptgebäude, davor im Zentrum um 90° gedreht der neue Bahnhof mit den Lichtaugen.

Am 1. August wurde nun damit begonnen, die Seitenflügel abzureißen – Grund für viele Stuttgarter, „gegen die Zerstörung des Bahnhofs“ auf die Straße zu gehen. Dabei hätten sie sich nur einmal über das Projekt informieren müssen (seit 1998 gibt es im Bahnhofsturm eine Ausstellung), um festzustellen, dass das alles gar nicht so schlimm ist, sondern eigentlich sogar ziemlich cool und definitiv sinnvoll.

Die Finanzierung

Das Projekt ist teuer, klar. Und es wird außerdem immer noch teurer, auch das ist klar – kaum ein Bauprojekt, ob staatlich oder privat, kann im zu Beginn festgesetzten Kostenrahmen bleiben. Die Gesamtkosten werden zur Zeit auf ca. 7 Mrd. Euro für das gesamte Projekt geschätzt. Doch selbst für das doppelte wäre ich noch dafür: was sind schon 10 oder 15 Mrd. für ein Projekt für die Menschen im Kontext von Rettungspaketen der locker zehnfachen Höhe für irgendwelche Banken, die sich verspekuliert haben?
Abgesehen davon sind 7 Mrd. Euro nur ca. 1% der Steuereinnahmen aus Baden-Württemberg, außerdem wird ein nicht unbeträchtlicher Teil der 7 Mrd. als Steuereinnahmen wieder zurück in die Staatskasse gespült (Quelle).

Umwelt & Stadtentwicklung

Skurill sind die Beschwerden der Umweltschützer an Stuttgart 21. Zwar werden einige schöne alte Bäume im Schlossgarten hinter dem Bahnhof im Zuge der Bauarbeiten gefällt. Allerdings wird die riesige Gleiswüste mitten in der Stadt verschwinden und der Park wird erweitert.

Befürchtet wird auch, dass durch die Tieferlegung des Bahnhofs Grundwasser und Mineralwasser gefährdet werden. Allerdings würde sich die Stadt dadurch im wahrsten Sinne des Wortes selbst das Wasser abgraben, die Stuttgarter Mineralbäder sind alle in Hand der Stadt. Außerdem liegen die bestehenden S-Bahn-Tunnel noch tiefer als der neue Bahnhof, und bei deren Bau gab es auch keine Probleme.
Überhaupt wundert mich, dass so viele kritisieren, dass der Bahnhof unterirdisch sein wird. Das Stadtbild der Zukunft lebt doch davon, dass möglichst viel unterirdisch ist, und die Oberfläche durch Parks und Grünanlagen gestaltet wird. Stuttgart 21 geht hier definitiv in die richtige Richtung. Wer sieht etwa lieber endlose Gleisanlagen als einen grünen Park, wenn er aus dem Fenster blickt?

Populismus & Politik

Um die Hintergründe der Proteste und Demonstrationen zu verstehen, muss man über die baden-württembergische Landespolitik informiert sein. Seit 1953 ist der Südwesten fest in Hand der christlich-konservativen CDU, meist in Koalition mit der neoliberalen FDP. SPD und Grüne haben seit jeher einen schweren Stand in Baden-Württemberg.
Stuttgart 21 als Projekt des Landes wird von der CDU unterstützt und verteidigt. Hier sahen und sehen insbesondere die Grünen ihre Chance, Opposition zu beziehen und sind mittlerweile leider im Rausch der Möglichkeit eine Regierungsbeteiligung bei den kommenden Landtagswahlen völlig dem Populismus verfallen. Auch die SPD, eigentlich für Stuttgart 21, wittert ihre Chance, und ist nun ebenfalls für einen Volksentscheid über das Projekt.

Eigentlich ist die Situation geradezu paradox: ein modernes, öko-soziales Musterprojekt wird von den sonst so modernen, öko-sozialen Grünen aus konservativ-nostalgischen Gründen aufs Schärfste kritisiert, während die konservative CDU dafür ist.

Ausblick

Nach 16 Jahren wurde nun endlich mit dem Bau angefangen. Über eine Webcam der Projektgegner kann man dem Abrissbagger derzeit bei der Arbeit zusehen und sich am Verhältnis Demonstranten – Polizisten erfreuen (meist kommt ca. 1 Demonstrant auf 10 Polizisten).
Die Kosten, die die Gegner durch den Polizeieinsatz tagtäglich verursachen, werden von diesen unterdessen geflissentlich ignoriert.
Dass das Projekt noch gestoppt werden kann, glauben selbst die Gegner mittlerweile überwiegend nicht mehr – wie auch, seit Jahren sind Verträge unterzeichnet, deren Bruch hohe Vertragsstrafen nach sich ziehen würde. Selbst der Erfolg eines Volksentscheids ist sehr zweifelhaft.
Sollte der Populismus den Grünen zur Regierungsbeteiligung verhelfen, soll es mir auch recht sein, an S21 wird das glücklicherweise aber auch nichts ändern können.
Das einzige, was die Demonstranten erreichen, ist eine Verlängerung der Bauzeit und eine daraus resultierende Kostenexplosion.
Wie wäre es, wenn man, anstatt gegen den Umbau eines Bahnhofs, mal gegen wirklich wichtige Dinge demonstrieren würde? Atomkraft, Krieg, Überwachungsstaat…?

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