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Ein Blick auf FaceTime – Videotelefonie á la Apple

Ein Traum, fast so alt wie das Telefon selbst: den Gesprächspartner beim Telefonat sehen. Über zahllose Filme und Serien wurde […]


Ein Traum, fast so alt wie das Telefon selbst: den Gesprächspartner beim Telefonat sehen. Über zahllose Filme und Serien wurde die Idee immer wieder aufgegriffen, meist als Kommunikationsmittel von Bösewichten, die ohnehin zuviel Geld hatten.
In den letzten Jahren wurde Videotelefonie dann salonfähig: mit Skype konnte jeder, der eine Webcam besaß, kostenlos in der ganzen Welt „videofonieren“. Und sogar mit dem Handy: seit über zehn Jahren gibt es Mobiltelefone, die theoretisch Videotelefonate unterstützen. Mit Aufkommen der 3G-Netze (UMTS) war es nämlich möglich, ein Videosignal einigermaßen schnell mit zu übertragen; und eine Videokamera hat sich in Handys schon lange durchgesetzt.
Doch der Haken an der Sache war immer der Preis. Ein paar Euro pro Minute lassen die Provider sich den Service gerne kosten. Die Folge: niemand verwendet die Technik, viele dürften nicht einmal wissen, dass ihr Handy das theoretisch kann.
Wie es auch beim mobilen Internet war… und wie hier Apple den Markt von hinten aufrollte, ist Geschichte.
Doch nun scheint es, als würde sich die Geschichte bei der Videotelefonie zu wiederholen: mit dem iPhone 4 wurde Mitte des Jahres Apples Antwort auf Videotelefonie vorgestellt: FaceTime.

Funktionalität

FaceTime bietet Videotelefonie, nicht mehr und nicht weniger. Nur-Audio gibts nicht, Chat gibts nicht. Clients gibt es bis jetzt genau drei Stück: einen für das iPhone 4 (der ist in die normale Telefon-App eingebaut), einen für den iPod Touch der 4. Generation und einen für Mac OS X. Benutzer älterer iOS-Geräte schauen genauso in die Röhre wie Benutzer alternativer Mobiltelefone oder Betriebssysteme (solls ja geben).
Theoretisch soll FaceTime offen für andere Hersteller sein, allerdings ist davon bis jetzt nichts auf dem Markt.

Die große Stärke von FaceTime ist die Authentifizierung: es geht weg vom altbekannten Chatclient-Kontaktlisten-Onlinestatus-Paradigma und bewegt sich eher in Richtung klassische Telefonie: habe ich die Nummer meines Gesprächspartners, kann ich ihn anrufen, wann immer ich will. Entweder er geht dann ran oder eben nicht.
Das mit der Nummer ist dabei durchaus wörtlich zu verstehen: iPhone-4-Besitzer facetimet man über ihre Rufnummer an. Alle anderen (momentan also iPod-Touch- und Mac-User), die eben keine Rufnummer haben, ruft man auf ihrer eMail-Adresse (ihrer Apple-ID) an.

Hintergrund

FaceTime ist komplett VoIP-basiert, es fallen also keine Gesprächskosten an – aber natürlich benötigt man eine Internet-Verbindung.
Auf dem iPhone muss es sich dabei zur Zeit zwangsläufig um eine WLAN-Verbindung handeln, über das Mobilfunknetz verweigert FaceTime den Dienst. Dies ist wohl der doch leider immer noch geringen Bandbreite sowie den verhältnismäßig hohen Kosten für eine zuverlässige Videoverbindung seitens der Mobilfunkprovider geschuldet – technisch wäre es kein Problem, doch Apple ist der Meinung, dass es zur Zeit mehr Ärger als Nutzen brächte, würde FaceTime auch über das Mobilfunknetz funktionieren.

Aber wie findet FaceTime ohne Mobilfunknetz den richtigen Gesprächspartner im weiten Internet? Die Lösung heißt SIP und ist ein etablierter Standard für Internettelefonie. Sowohl eMail-Adressen als auch Telefonnummern können dank SIP in eine URL übersetzt werden, die aus dem Internet erreichbar ist.
Heißt in der Praxis: ich kann eine beliebige eMail-Adresse oder Telefonnummer „anfacetimen“. Antwortet unter der entsprechend generierten SIP-URL ein Gerät, kann die Verbindung aufgebaut werden. Dabei ist es bei mehreren mit der gleichen eMail-Adresse aktivierten Geräten so, dass ersteinmal alle klingeln, und man sich aussuchen kann, wo man antwortet. Ruft man jemanden allerdings über die Telefonnummer an, klingelt nur sein iPhone 4 (da nur dies die Authentifizierung über die Rufnummer unterstützt).
Damit das funktioniert, muss bei Apple irgendwie eine Datenbank vorgehalten werden, die speichert, wer unter welcher eMail-Adresse bzw. Telefonnummer gerade erreichbar ist und wer nicht. Deswegen sendet das iPhone beim erstmaligen Aktivieren von Facetime eine dubiose versteckte SMS nach Großbritannien (die allerdings nicht berechnet werden dürfte).
Die Clients von iPhone und Mac werde ich im Folgenden getrennt betrachten, da sie sich doch etwas unterscheiden:

FaceTime im iPhone

Ich habe bewusst „im“ iPhone geschrieben, weil die Funktion direkt in die Telefon-App hineingestrickt ist. So gibt es die Möglichkeit, während eines normalen Gesprächs zwischen zwei iPhone-4-Besitzern bei Bedarf auf FaceTime umzuschalten.
Natürlich kann man aber auch ganz normal über das Adressbuch einen FaceTime-Anruf starten, indem man eine eMail-Adresse oder eine entsprechende Nummer anruft. Dann kommt während dem Gespräch die Frontkamera des iPhone 4 zum Einsatz (gleichzeitig die Erklärung, warum es die Funktion auf den älteren iPhones nicht gibt) – wobei man auf Knopfdruck auf die Kamera an der Rückseite umschalten kann, um dem Gesprächspartner zu zeigen, was man sieht.

Wie bei Videotelefonie üblich, sieht man den Gesprächspartner fullscreen und sich selbst in einem kleinen, frei in die Ecken verschiebbaren Fensterchen. Auch der Bewegungssensor des iPhone wird unterstützt, so kann man auch das übertragene Bild zwischen Hoch- und Querformat umschalten.

FaceTime auf dem Mac

Im Rahmen der Back-to-the-Mac-Keynote stellte Apple am 20. Oktober 2010 eine Beta-Version des FaceTime-Clients für Mac OS X (ab 10.6 Snow Leopard) vor.
Entgegen der Erwartungen ist FaceTime nicht in iChat integriert, sondern eine eigene App. Dabei muss die App nicht (!) gestartet sein, um FaceTime-Anrufe empfangen zu können – es ist das gleiche Konzept wie auf dem iPhone. Telefonie- statt Chatparadigma. Wer nicht erreichbar sein will, muss FaceTime in den Einstellungen explizit deaktivieren. Gerade bei Präsentationen o.ä. sollte man das wohl tun. Ansonsten kann eben jederzeit ein Anruf hereinkommen, wie man das vom Telefon her kennt – natürlich muss man diesen nicht annehmen. Dennoch ein mutiger Schritt.

Die App selbst sieht ähnlich aus wie QuickTime X und lädt direkt mal das gesamte Adressbuch. Ist der Gesprächspartner auf einem iPhone 4 und wechselt ins Querformat, dreht sich das Bild nicht auf die Seite, sondern das Fenster nimmt ebenfalls Querformat an. Auch das Bild der iSight-Kamera des Macs kann auf Hochformat umgestellt werden (in diesem Fall wird offenbar einfach rechts und links etwas abgeschnitten).
Weitergehende Funktionalitäten lassen sich wie auch auf dem iPhone vermissen, es gibt keinen Chat oder gar eine Funktion wie iChat Theater.

Fazit

FaceTime funktioniert, FaceTime ist einfach. Tatsächlich ist es der simpelste Videotelefonie-Ansatz, den ich kenne – und genau deswegen könnte er sich durchsetzen.
Zumindest auf Apple-Geräten. Denn ob es in näherer Zukunft Geräte anderer Hersteller mit FaceTime-Unterstützung geben wird, ist fraglich – zumal Apple bis jetzt keine technischen Details veröffentlicht hat.

Ein Problem hat FaceTime aber dennoch, wie auch iChat und Skype: die Videotelefonie funktioniert nicht wirklich zuverlässig.
Oft gelingt der Verbindungsaufbau erst nach ein paar Versuchen. Ein Problem, das es für Videotelefonie erst noch zu lösen gilt, wenn sie so einfach wie herkömmliche Telefonie funktionieren soll.
Bis dahin bleibt es ein nettes Gimmick, das durch FaceTime nun auch mobil funktioniert (was Skype ja immer noch nicht geschafft hat).

Achja, und es wäre noch wünschenswert, FaceTime auch über das Mobilfunknetz zu nutzen, was laut Apple nur wegen den Providern deaktiviert ist. Also, liebe Mobilfunkprovider: anstatt anderen Unsinn zu finanzieren, baut jetzt einfach mal ein flächendeckendes LTE-Netz.

⇒ Zum Mac-Client für FaceTime

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