sprachkonstrukt.de

Android

Ein iPhone-Fanboy testet Android 4.2.2.

Um zur Abwechslung mal fundiert auf Android draufhauen zu können, habe ich seit einiger Zeit Android im Produktiveinsatz. Wie sich das für einen Apple-Fanboy gehört, steht natürlich meine Meinung schon von vornherein fest, selbstverständlich geht nichts über mein geliebtes iPhone. Aber ein Blick über den Tellerrand schadet ja nicht, zumal ich auch beruflich mit Android arbeiten muss.

Nicht der Rede wert: die Hardware

DSC_8715
Ich habe ein Samsung Galaxy S3 LTE. Aus dem einfachen Grund, dass ich es von meiner Hochschule erhalten habe. Natürlich gehört es mir nicht, persönlich würde ich mir eher ein Nexus 4 kaufen. Aber es soll hier nicht um die Hardware gehen. Dass die, wenn sie von Samsung kommt, eher mäßig ist, dürfte ja allgemein bekannt sein. Das S3 ist ein gigantisches Stück Plastik, das trotz Verzicht auf Aluminium schwerer als das iPhone 5 ist und sich immer etwas fettig-glitschig, um nicht zu sagen billig anfühlt. Kurz: es ist ein ganz normales Android-Gerät, und daher nicht der Rede wert.

Android 4.2

Da es sich nicht um ein Android-Gerät von Google handelt, habe ich das S3 natürlich als erstes der Behandlung unterzogen, der man jedes Android-Gerät, das nicht von Google kommt, unterziehen sollte: die Software durch ein „normales“ Android ersetzen, das nicht von Samsung oder wem auch immer verunstaltet wurde. Keine ganz simple Prozedur, doch dank der Vorarbeit von cyanogenmod auch nicht besonders schwierig. Dazu ist zu sagen, dass auch der Cyanogenmod kein „reines“ Stock-Android ist, sondern ein paar „Verbesserungen“ beinhaltet – diese halten sich jedoch sehr in Grenzen. Besser als die unglaublich hässliche, viel zu bunte, von Samsung mit Müll-Apps vollgepackte „TouchWiz“-Oberfläche ist es allemal. Und es ist die aktuelle Android-Version 4.2.2 („Jelly Bean“) und nichts veraltetes, wie üblicherweise von Samsung ausgeliefert.
Während der Cyanogenmod den Einfluss von Samsung weitestgehend vom Gerät entfernt, kann sich natürlich an den Hardware-Buttons nichts ändern. Diese sind, im Vergleich zu Googles Referenzimplementierung, immer noch vertauscht: der Zurück-Button befindet sich rechts und der Menü-Button links vom „Home“-Button anstatt andersherum, was natürlich recht unlogisch ist, aber eben auch nicht zu ändern.

Homescreen und Lockscreen

Galaxy S3 LTE mit Android 4.2.2Der Homescreen füllt sich nicht nur von oben mit Apps, sondern ist sehr frei konfigurierbar. Neben Apps und (etwas hässlichen) Ordnern können auch Widgets auf den Homescreen-Seiten frei verteilt werden. Widgets gibt es beispielsweise für Uhr, Kalender, Google Now und einiges mehr. Sogar das „Dock“ unten kann inklusive dem standardmäßig mittig platzierten „Alle-Apps-anzeigen-Button“ frei angepasst werden. Die Liste mit allen Apps ist dafür strikt alphabetisch sortiert und nur für seltener genutzte Apps gedacht.

Zum Entsperren aus dem Lockscreen gibt es diverse Optionen – neben einem simplen Slide-to-Unlock auch Code-Sperre oder Gesichtserkennung (die jedoch nur bei guten Lichtverhältnissen zuverlässig funktioniert – und dann auch mit vorgehaltenen Fotos). Die wohl von den meisten Nutzern verwendete Option dürfte jedoch das „Muster“ sein, das man auf das Display zeichnen muss. Es bietet definitiv nicht die größte Sicherheit, wohl aber einen guten Kompromiss aus Geschwindigkeit und Sicherheit. Schließlich will ja niemand jedes Mal, wenn er sein Handy in die Hand nimmt, erst einen Code eingeben.

Im Gegensatz zu iOS ungewohnt sind die beiden zusätzlichen, gefühlt eigentlich überflüssigen Buttons (bei vielen Geräten tatsächlich als Hardware-Buttons vorhanden, mittlerweile immer häufiger als vom System vorgegebene Software-Buttons). Der Menü-Button ist der Ort, wo all die Funktionen versteckt sind, die man in einer App nicht findet. Zumindest ging es mir immer so – zuerst habe ich die App komplett durchsucht, und wenn ich nicht mehr weiter wusste, ist mir eingefallen, dass es ja noch die Menütaste gibt. Der andere Button geht „zurück“ – wohin auch immer – zum vorigen Screen, zur vorigen App, zum Homescreen. Gänzlich unverständlich allerdings, warum dieser bei Samsung-Geräten rechts sitzt (und dennoch nach links zeigt).

Das Notification Center funktioniert genauso wie unter iOS 6, allerdings bietet es noch ein paar mehr Funktionen (sehr praktisch: die alle-Gelesen-Funktion). Auf dem Lock-Screen tauchen Notifications allerdings nicht auf. Dafür hat das S3 eine LED, die anfängt zu blinken, sobald neue Notifications vorhanden sind.

Alleinstellungsmerkmale

Es gibt genau drei Punkte, die mich an Android besonders interessierten – und das sind die Features, die mein iPhone eben nicht bietet:

Google Now

Eines der spannendsten Google-Produkte, so glaubte ich, ist Google Now. Soll es doch den Datenschatz, den Google über einen hat, auswerten und nutzbar machen. Die Werbung verspricht, intelligent zu erkennen, welche Informationen für den Nutzer gerade interessant sein könnten, beispielsweise Abfahrtszeiten des Nahverkehrs, Points of Interest in der Nähe, oder über das Weltgeschehen und Sportereignisse, die den Nutzer interessieren, zu informieren.

Google Now
Und obwohl Google eigentlich alle Informationen dazu hat – es kennt meinen Kalender, meine Position (ich verwende Latitude seit 2011 konstant), meine E-Mails, meine RSS-Feeds, mein Google+-Profil – bleibt Google Now erstaunlich dumm. Tatsächlich zeigt es mir normalerweise nur das Wetter an, und meist noch, wie lange ich bei der aktuellen Verkehrslage mit dem Auto oder mit der S-Bahn nach Hause bzw. zur Hochschule bräuchte. Ab und zu werden auch Termine aus dem Kalender angezeigt, allerdings kann Google Now mit den Ortsangaben nur in den seltensten Fällen etwas anfangen. Die Sprachsteuerung von Google Now funktioniert ebenfalls nicht, zumindest resultiert sie bei mir immer nur in einer Google-Suche.
Fazit: auf jeden Fall weiterhin ein interessanter Ansatz, aber leider derzeit (zumindest in Deutschland) noch nicht wirklich nützlich.
Update: Tatsächlich ist seit gestern Abend Google Now auch für iOS verfügbar. Kann dort allerdings auch nicht mehr.

NFC

Near Field Communication, auch bekannt als RFID, unterstützt Android und das Galaxy S3 – eines der Alleinstellungsmerkmale zum iPhone, das nach wie vor nur Bluetooth Smart kennt. Leider scheint NFC das gleiche Problem wie Google Now zu haben: in Deutschland kann man eher weniger damit anfangen. Zumindest gibt es Google Wallet, die Bezahlfunktion von Google für Android-Handys mit NFC, hierzulande noch nicht. Dafür lassen sich mit dem eingebauten NFC-Chip aber zumindest RFID-Karten wie (neue) Personalausweise, Studentenausweise und neuere EC-Karten auslesen. Außerdem können zwei NFC-Geräte Dateien über „Beam“ austauschen, indem man sie einfach nebeneinander hält – was erstaunlich gut funktioniert (die Datenübertragung selbst findet dann natürlich über Bluetooth statt, NFC wird nur für das Pairing verwendet).
Fazit: auf jeden Fall eine Technologie, die Android interessant macht. Bis wir hierzulande damit bezahlen können, dürfte aber noch einige Zeit ins Land gehen.

Facebook Home

Facebook HomeSeit ein paar Wochen wissen wir: das Facebook Phone, auf das viele gewartet haben, gibt es nicht – jedes Android-Gerät kann durch die Facebook-Home-App zu einem Facebook Phone werden. Das habe ich natürlich auch ausprobiert.

Facebook Home zeigt beeindruckend, was Android einer App alles ermöglicht. Bei iOS völlig undenkbar: Facebook Home ersetzt das komplette Interface des Systems, Home- und Lockscreen. Durch die Facebook-Timeline.
Was erstmal etwas seltsam klingt, ist in der Praxis erstaunlich gut umgesetzt und überraschend nützlich (zumindest für Facebook-Fans). In Verbindung mit Facebooks Chatheads, die bei Android im Gegensatz zu iOS ebenfalls systemweit aktiv sind, ein rundes Produkt.

Fazit

Als iPhone-User wird bei der Benutzung eines Android-Gerätes schnell der große Unterschied zwischen der Philosophie von Google und der von Apple deutlich. Apple optimiert jedes noch so kleine Detail bis ins Unendliche, um eine vermeintlich allgemeingültige, optimale Lösung zu finden – die dann aber auch jeder zu nutzen hat. Dabei ist das System selbst heilig, lässt zwar einige Einstellungen offen, doch Apps beispielsweise haben einen klar definierten Rahmen, in dem sie sich entfalten können – alles, was darüber hinausgeht, kann nur das System selbst machen. Google dagegen überlässt dem Nutzer viel mehr Entscheidungsfreiheit – Homescreen gefällt nicht? Einfach einen anderen Launcher installieren, fertig. Hier jedoch liegt auch schon das Problem. Dadurch, dass Apps so viele Möglichkeiten haben, werden diese auch ausgenutzt. Insbesondere von den Hardwareherstellen, die gerne mal das System bis zur Unkenntlichkeit verunstalten. Während das „reine“ Google-Android mittlerweile tatsächlich ganz hübsch ist und so etwas wie eine eigene Designsprache hat, wird diese schon mit der Installation der ersten Dritt-App – sei es vom User oder vom Hardwarehersteller – mit Füßen getreten. Es fehlt etwas wie Apples Human Interface Guidelines – jede App macht was sie will, und sieht daher leider in den allermeisten Fällen grausam aus. Für iOS-Nutzer: einfach vorstellen, jede App wurde vom WhatsApp-Designer gemacht, und nicht für Retina-Displays optimiert. Wo man hinschaut, viel zu bunte Elemente, unscharfe Icons, mal eine Tabbar oben, mal unten – man fühlt sich ein bisschen wie bei Windows-Software.
Und natürlich ist diese Freiheit für App-Entwickler auch ein nicht unbeträchtliches Sicherheitsrisiko – alleine weil es überhaupt möglich ist, tiefe Systemfunktionen von Apps heraus zu steuern. Während iOS-Apps Zugriff auf System-Ressourcen einzeln anfragen (und auch noch funktionieren, wenn nur einzelne gewährt werden), fragt eine Android-App zu Beginn nach allen Berechtigungen. Gibt man nicht alle, funktioniert die App nicht – was dazu führt, dass man diese Berechtigungen wie einen Softwarelizenzvertrag automatisch abnickt. Wenn Hardwarehersteller dann auch noch der Meinung sind, Standard-Apps wie das Telefon durch eigene ersetzen zu müssen, möchte ich gar nicht wissen, was für Sicherheitslücken dort eingeschleppt werden.
Mit dem nativen Android, oder notfalls so etwas wie dem Cynogenmod, ist Android mittlerweile aber durchaus zu einer ernstzunehmenden Alternative zu iOS geworden. Wer damit leben kann, dass es keine gute Hardware gibt, viel weniger Apps und bereit ist, über hässliche User Interfaces hinwegzusehen, der kann vielleicht auch mit Android glücklich werden. Insbesondere, da entsprechende Geräte durch die Bank relativ günstig erhältlich sind – das Nexus 4 beispielsweise kostet ohne Vertrag ungefähr so viel wie ein iPhone mit. Aber natürlich hat man dann auch „nur“ ein Android-Gerät, und nicht das iPhone, nicht das beste Smartphone, das man haben kann.

Kommentare