Ja, reißerische Überschrift, ich weiß. Und ich muss auch gleich zurückrudern: natürlich geht es nicht um natives Flash auf dem iPad. Das wäre wohl auch in Bezug auf Akkuleistung und Sicherheit eine schlechte Idee.
Aber dann gibt es sie eben doch, die Momente, in denen man eine Flash-Website besuchen muss. Beispielsweise, wenn man schnell die Speisekarte eines Restaurants checken möchte, bevor man hingeht. Restaurant-Websites sind ja neben Musiker-Websites und dem Adobe Online Store die letzten Bastionen von Flash im Internet, nachdem sich bei Videos mittlerweile HTML5 durchsetzen konnte.
Als iPad-User sieht eine typische Restaurant-Website dann so aus:

Aber es gibt Abhilfe:

Die App heißt Puffin und sieht zwar aus wie ein Browser, ist aber eher soetwas wie ein VNC-Client.
Jedenfalls surft man mit einer IP-Adresse aus den Staaten und hat eine mysteriöse Browser-Kennung, die nach Safari/Webkit auf Linux aussieht.
Allzu vertrauliche Daten sollte man also vielleicht nicht darüber schicken, aber um mal eine Flash-Website anzuschauen, reicht es.
Auch Flash-Video funktioniert tadellos, dafür gibt es extra einen Fullscreen-Modus.
Die IP-Adresse aus den USA ergibt natürlich noch einen anderen, interessanten Anwendungsfall: das Umgehen von Georestriktionen. Wenn <Amerikanischer Sender XY> die neueste Folge von <Amerikanische Serie YZ> nur innerhalb von Amerika streamt, greift man in Europa eben zu Puffin. YouTube-Videos, die von der GEMA geblockt wurden? Puffin. <Webdienst ZZ> bietet seine Dienste derzeit nur in Amerika an? Puffin.
Nun könnte man denken, das ganze sei quälend langsam – doch erstaunlicherweise surft es sich mit Puffin erstaunlich leicht, Scrolling auf einer Website hat nur eine minimale Verzögerung und die Seiten laden auch sehr schnell. Auch die Akkulaufzeit wird dadurch, dass der Flash-Code nicht auf dem Gerät, sondern auf den Puffin-Servern ausgeführt wird, nicht übermäßig beansprucht.
Eigentlich ein Muss für jedes iPad. Und dank Universal-Code läuft es auch auf dem iPhone problemlos.
Puffin. Für 0,79 € im App Store.

Irgendwie hat man sich inzwischen darauf geeinigt, dass niemand mehr Musik auf seinen neuartigen Empfangsgeräten speichern will – wo man doch durch das Internet die jeweils gewünschte Musik „on demand“ streamen kann. Zumindest ist das das Ziel von Apples iTunes Match, dem schon länger operierenden Dienst Spotify und nun auch Googles Music Beta.

Tatsächlich habe ich schon seit Mitte Juni Zugang zu dem Dienst, jedoch hielt sich meine Begeisterung in Grenzen und durch die nachfolgende Einführung von Google+ geriet er bei mir erstmal in Vergessenheit – erst heute stieß ich wieder darauf, da mittlerweile die Beta-Nutzer auch selbst Invites versenden können.
Zur Funktionsweise: der Nutzer lädt seine MP3-Dateien auf Googles Server und hat fortan über das Internet Zugriff darauf. Entweder, indem er einfach im Browser hört, oder durch die Android App. Fertig.
Es ist also kein Dienst wie Spotify, bei dem ich für ein monatliches Entgeld freien Zugriff auf alles habe – ich muss die Musik schon haben. Dafür kostet es auch nichts.
Es ist aber auch nicht wie iTunes Match, wo für eine jährliche Gebühr die lokale iTunes-Bibliothek gescannt wird und dann komplett in der iTunes-Cloud zur Verfügung steht (inkl. eventueller mp3s zweifelhafter Herkunft) – jeder Titel muss von jedem Nutzer erst hochgeladen werden.
Dafür bietet Google einen Client an, der sich am Mac in den Systemeinstellungen und der Menüleiste einnistet und dann erstmal alle Musik hochlädt (eine Auswahlmöglichkeit besteht leider nicht). So ein Upload von tausenden mp3-Dateien dauert dann schon auch mal eine Woche.
Wie alle Streamingdienste, grob verallgemeinert, steht natürlich auch Music Beta offiziell nur außerhalb Deutschlands zur Verfügung, da die GEMA Menschen hasst und die Musikindustrie dumm wie Brot ist. Dennoch funktioniert Music Beta bei mir auch außerhalb der USA bisher einwandfrei.
Mehr gibt es eigentlich nicht zu berichten, alles ist erstaunlich unspektakulär. Die Website ist recht schön gelungen, und passt natürlich gut zum typischen Google-Nutzer, der sowieso nur im Browser lebt. Als Android-User ergeben sich vermutlich dank der App und demzufolge ubiquitärem Zugriff auf die Musikbibliothek weitere Einsatzzwecke. iPhone-Nutzer schauen dagegen in die Röhre, nicht einmal eine mobile Website gibt es und so ist Music Beta derzeit nur auf Android-Smartphones nutzbar.
Doch auch wenn die Beta-Phase einmal beendet ist und es Zugriffsmöglichkeiten mit den von mir präferierten Mobiltelefonen gibt, bezweifle ich, dass ich Music (beachtenswert: offiziell ohne „Google“ im Namen) nutzen werde. iTunes Match und Flatratemodelle á la Spotify riechen da mehr nach Zukunft.
Und natürlich macht Streaming mit derzeit üblichen schmalen Volumenverträgen für mobiles Internet auch nur begrenzt Spaß.


Es ist fast seit Anbeginn des Internets überall das gleiche. Soll eine Seite auf mich personalisiert werden, muss ich mich „registrieren“ und dann bei jedem Besuch „Einloggen“. Ein Login besteht stets aus Nutzername (oder eMail-Adresse) und einem Passwort. Der Nutzername ist dabei mehr oder weniger öffentlich, das Passwort muss ich geheimhalten.
Bei Google ist seit einiger Zeit die Bestätigung in zwei Schritten am Start. Zusätzlich zum Passwort wird (optional) für jeden Login noch eine zweite Bestätigung in Form einer einmaligen PIN verlangt.
Eigentlich eine super Sache, zumal der Google-Account immer wichtiger und universeller wird. Findet so jemand das Passwort raus, kann er dennoch nicht auf den Account zugreifen.
Wie funktioniert das?
Entweder bekommt man bei jedem Login die PIN per SMS. Da SMS ein bisschen uncool ist, gibt es alternativ auch Apps für iOS und natürlich Android, die laufend neue PINs generieren.
Für den Fall des Handy-Verlusts gibt es auch noch ein paar PINs, die man sich ausdrucken und in den Safe legen kann.
Nun gibt es aber inzwischen viele Dienste/Anwendungen/Apps, die auf den Google-Account zugreifen (prominentestes Beispiel für Google-Mail-Nutzer dürfte ihr Desktop-Mailprogramm sein, aber beispielsweise fallen darunter auch Google-Reader-Clients oder Chatclients). Bei mir sind es momentan allein 14 Stück auf allen Geräten.
Da diese Clientanwendungen nach dem alten Login-Paradigma gebaut sind, können sie mit der Google-PIN nichts anfangen. Sie versuchen sich normal mit dem Passwort einzuloggen, was der Google-Server aber natürlich ohne PIN nicht akzeptiert.
Um dieses Problem zu lösen, kann man sich „anwendungsspezifische Passwörter“ erzeugen lassen. Diese kann man dann anstatt dem normalen Standard-Passwort verwenden.
In der Theorie ein gutes, sicheres System.
Allerdings ist es leider alles andere als praktikabel.
Zuersteinmal die Einrichtung: der durchschnittliche Internet-Nutzer wird sich kaum eine halbe Stunde hinsetzen und für jede auf Google zugreifende Anwendung ein Passwort generieren und eintragen. Vor allem vergisst man beim ersten Einrichten sowieso die Hälfte und wundert sich dann, dass Anwendung X plötzlich nicht mehr funktioniert.
Und dann noch der Umstand, dass prinzipbedingt bei jedem Login eine PIN benötigt wird. Zwar speichert Google den Login per Browser-Cookie. Wer diese allerdings regelmäßig löscht, wird ständig nach der PIN gefragt.
Außerdem scheint Google die Position bzw. IP-Adresse mit dem authorisierten Login zu verknüpfen, und wer häufig unterwegs ist, benötigt fast bei jedem Aufruf einer Google-Seite eine neue PIN.
Wie so oft geht also die höhere Security auf Kosten der Usability. Und so wird die Bestätigung in zwei Schritten ein Nerd-Feature bleiben.
Schöner Versuch, aber das ist nicht der Weisheit letzter Schluss.


Gute Nachrichten für alle Mac-Besitzer: OS X Lion ist seit heute für 23,99 € im Mac App Store erhältlich und ist das wohl umfangreichste Major-Update von OS X bisher.
Die meiner Ansicht nach besten Neuerungen: Weiterlesen →


Die älteren werden es gar nicht kennen, aber wenn man heutzutage studiert, hat man in Bezug auf die Prüfungsverwaltung immer mit dem POS-System (auch bekannt als QUISPOS oder LSF) zu tun, eine herzallerliebste Webanwendung zur Studiumsverwaltung. Diese hat, gelinde gesagt, leichte Usability-Probleme (um eine Note nachzusehen, sind mindestens 8 Klicks notwendig). Was läge näher, als einen Client dafür zu schreiben? Das dachte sich auch Michael Ruhl, dessen Mac-App „Grades“ genau das ist, zumindest für den Teil mit dem Noten nachsehen.
Sie pflanzt sich in die Menüleiste und holt automatisiert in regelmäßigen Abständen die Noten vom Uniserver. Ist eine neue Note online, bekommt man eine Growl-Nachricht. Alle Noten lassen sich außerdem als CSV-Datei exportieren, die jede Tabellenkalkulation öffnen kann.
Erhältlich im Mac App Store für 2,99 €: Grades


Seit ich hobbymäßig fotografiere, stelle ich regelmäßig Bilder auf Flickr – ja, das war das, was von Yahoo noch übrig ist und irgendwie zur größten Foto-Community unseres lieben Internets wurde.
Allerdings stoße ich dort langsam an die 200-Foto-Grenze, ab der ein teurer Pro-Account fällig wird. Bevor ich das mache, kann ich die Fotos auch einfach hier auf sprachkonstrukt.de hosten. Aber es gibt eine bessere Alternative:
… gibt es schon seit 2003, und damit sogar ein Jahr länger als Flickr. Dennoch kam ich erst neulich darauf. Und: es ist großartig, und genau das, was ich suchte.
Es gibt nur eine Regel: maximal 20 Fotos pro Woche.
Diese Regel sorgt dafür, dass es nur wirklich sehr gute Bilder auf 500px schaffen. Und so ist 500px das, was Flickr vor langer Zeit auch war: eine Community, in der sich Leute tummeln, die wegen des Fotografierens fotografieren. Also keine 200 Partybilder von einem Abend oder alle 800 Urlaubsfotos, inklusive der unscharfen und verwackelten, sondern maximal 20 Bilder pro Woche. Die 20 besten.
Das Ganze kommt außergewöhnlich schön daher, was vor allem daran liegt, dass alle Thumbnails quadratisch sind, einen halbtransparenten Overlay mit Titel und Urheber haben und obendrein Helvetica Neue Light benutzt wird.
Einziger Kritikpunkt könnte das Fehlen von Geodaten und Aufnahmedatum sein, nur Brennweite, Blende etc. werden angezeigt.
Der professionellere Fotograf kann auch ein Portfolio auf 500px basteln, inklusive eigener Domain. Dieser möchte dann vielleicht auch auf einen „awesome“ Account upgraden, welcher kostenpflichtig ist und weitere Features bietet.
Ich bin jedenfalls rundum zufrieden und meine besten Fotos landen künftig auf meinem 500px-Profil. Vermutlich werden andere Bilder (in größeren Mengen) künftig bei Google+ bzw. Picasa landen.
Achja: man kann sich bei 500px auch als Nicht-Fotografierender anmelden, um einfach nur meine Fotos zu liken.

Nun kam es doch schneller als gedacht: Google+, das neue Social Network von Google.

Seit gestern nachmittag habe ich nun auch Zugriff darauf. Und: es erfüllt alle Erwartungen. Es bietet mehr oder weniger die gleichen Features wie Facebook – in hübsch. Beispiel: Circles. Letztlich nichts anderes als Facebooks Listen, allerdings mit einer UI, die dafür sorgt, dass sie auch benutzt werden. Um Dinge mit bestimmten Circles zu teilen, muss man sich nicht umständlich durch mehrere Popups klicken, stattdessen ist vorgesehen, grundsätzlich bei jedem Inhalt, den man veröffentlicht, direkt die Circles anzugeben, für die er sichtbar sein soll. Der klassische Fall der für den Chef sichtbaren Unmutsäußerung bezüglich der Arbeitsstelle dürfte dadurch recht selten eintreten.
Interessant ist die Definition der „Freundschaft“. Anstatt Freundschaftsanfragen zu stellen, gibt es wie auf Twitter ein einseitiges System. Wenn mich jemand interessiert, folge ich ihm (indem ich ihn in einen Circle werfe). Er wird darüber benachrichtigt; wenn ich ihn auch interessiere, kann er mich ebenfalls in einen Circle werfen, was dann einer „Freundschaft“ entspricht.
Durch dieses Prinzip kann man mit seinen Beiträgen, die man öffentlich postet, eine beeindruckende Reichweite erlangen, ohne alle Leute in seine Freundesliste aufnehmen zu müssen (soetwas wie Facebook nur mit Seiten bietet).
A propos Seiten: momentan scheint es nicht möglich zu sein, Seiten für ein Unternehmen o.ä. anzulegen. Und das ist mitnichten ein Nachteil. Facebooks Seiten-Konzept passt einfach nicht zu Googles Philosophie: Google möchte kein „Parallel-Internet“ erschaffen, wie Facebook es tut. Hier kommt +1 ins Spiel, Googles Like-Button. Jede Internetseite kann pluseinst werden. Anstatt für sein Unternehmen also eine extra Facebook-Seite anzulegen, wird die normale Website genutzt.
Der andere Aspekt der Facebook-Seiten ist die Möglichkeit für Unternehmen, Informationen an „Fans“ zu bekommen. Auch das bietet Google+ – allerdings in einem sehr viel offeneren, besser zum Internet passenden Ansatz: Durch das Anlegen von „Sparks“ erhält man aktuelle Informationen zu einem bestimmten Thema. Diese Informationen generiert Google durch seine Erfahrung bei Google News automatisch. Ein Unternehmen postet also einfach auf seiner Website Neuigkeiten, Google+-Nutzer, die einen entsprechenden Spark angelegt haben, werden dann so darauf hingewiesen. Dadurch wird Googles allmächtiges Rating-Werkzeug, der Pagerank, erstmal weiter gefördert.
Andererseits entsteht durch die Einbindung von +1 in die normale Google-Suche eine Art personalisierter PageRank. Suche ich zu einem Thema, werden Ergebnisse, die Freunde pluseinst haben, entsprechend höher gerankt. Suche ich also beispielsweise nach einer Seite mit guten Photoshop-Templates, muss ich mich nicht durch die ersten fünf SEO-verseuchten Müllseiten wühlen, sondern sehe direkt die Seite, die auch meine Freunde schon gut fanden. Google fördert also nichts anderes als gute Inhalte.
Nicht nur die Suche, auch die anderen Google-Produkte arbeiten eng mit Google+ zusammen. Der Google+-Chat ist nichts anderes als Googletalk, bekannt aus Google Mail und mit XMPP auf einem offenen Protokoll basierend. Ein Nachrichtensystem gibt es darüber hinaus nicht: aber, stimmt, Google hat ja auch zufällig den beliebtesten Freemail-Dienst, Google Mail. Veranstaltungen lassen sich auch nicht anlegen. Aber es gibt ja den Google-Kalender, der die gleichen Möglichkeiten in Bezug auf Einladungen bietet wie Facebook – basierend auf dem offenen Protokoll CalDAV. Auch Applikationen gibt es zur Zeit bei Google+ nicht. Aber das wird ja wohl niemand vermissen.
Wir halten also fest: technisch ist Google+ Facebook weit voraus. Aber wir erinnern uns auch an Buzz, was seinerzeit technisch eigentlich auch besser war als Twitter und heute praktisch tot ist beziehungsweise nun irgendwie mit Google+ zu verschmelzen scheint. Warum wurde es nicht genutzt? Weil mit Twitter eigentlich alle zufrieden waren und weil der Datenschutz vernachlässigt wurde.
Mit Facebook ist aber eigentlich niemand zufrieden, und das dürfte vor allem an seinem arroganten Umgang mit Nutzerdaten liegen. Facebook scheint viele Dinge einfach zu machen, weil sie gehen – gerade bei der Zusammenführung von Daten. Ein Beispiel ist die Meldung „X und Y sind nun befreundet, nachdem sie sich bei Veranstaltung Z kennengelernt haben“. Klar, die Daten sind da, und der Informatiker in mir findet die Möglichkeit der diesbezüglichen Auswertung auch spannend. Den Nutzern macht so eine Funktion allerdings nur Angst.
Außerdem tritt Facebook von Natur aus den Datenschutz immer erstmal mit Füßen, wenn der Nutzer das nicht will, muss er sich erst dessen bewusst sein und dann aktiv werden. Und dies wird von Facebook auch mit allen Mitteln versucht, zu verhindern (komplizierte Privatsphäreeinstellungen).
Hoffentlich ist Google hier etwas klüger.
Nun geht es darum, die kritische Masse an Nutzern zu erreichen. Leider ist Google+ derzeit noch nicht wirklich frei verfügbar. Man kann lediglich Dinge mit Leuten teilen, deren eMail-Adresse man hat, dann bekommen diese eine Nachricht und können sich vielleicht anmelden. Vielleicht heißt, dass es erstmal nicht geht, aber eine halbe Stunde später dann schon. Solange das so ist, werden die nicht-technikaffinen Nutzer leider ausbleiben. Schätzungsweise ist diese Invite-Phase aber schon recht bald vorbei, sie muss recht bald vorbei sein, denn ohne ihre anderen Freunde werden die momentanen Nutzer sich schnell langweilen.

Wie schon letztes Jahr:





Mehr davon gibts auf Flickr.


Out of York waren so nett, mich zu ihrem Bandfotografen zu machen. Eine schöne Gelegenheit, mein neues Nikkor 50mm 1:1,8D
zu testen. Und tatsächlich war dieses lichtstarke Objektiv genau das richtige für die schwierigen Lichtbedingungen. Ein bisschen Magie in Aperture erledigte dann den Rest. Weiterlesen →


Heute war also die Tante vom Zensus 2011 da. Da ich in einem Studentenwohnheim wohne, was einem „nichtsensiblen Sonderbereich“ entspricht, werde ich auf jeden Fall befragt. Meine Wohnung ist meiner Meinung nach zwar sehr wohl ein sensibler Bereich, aber man muss offenbar in der Psychiatrie oder im Knast sitzen, um sensibel behandelt zu werden.
Jetzt aber mein Erfahrungsbericht, die ganze Aktion war nämlich doch erstaunlich skurril:
Angefangen hat es mit dem Ankündigungsschreiben, in dem die für mich zuständige Erhebungsbeauftragte den Termin ankündigte (morgen zwischen 13 und 15 Uhr), inklusive ihrer vermutlich privaten Handynummer und eMailadresse, um ggf. einen anderen Termin zu vereinbaren. Dabei lag noch ein Anschreiben, ein Auszug aus dem Gesetz und ein Informationsflyer. Alles klar, dachte ich mir, ich bin an dem Termin sowieso in der Uni, soll sie die Unterlagen eben in den Briefkasten werfen oder meinem kasachischen Nachbarn überreichen.
Ganz unverhofft klingelt es nun aber schon heute gegen 17 Uhr an der Tür, mein Nachbar macht auch bereitwillig auf und lädt den Interviewer (zumindest dachte ich anhand der Stimme, dass es sich um einen Mann handelt) direkt zu sich ein. So etwas wird bei mir natürlich nicht passieren! Gespannt höre ich also durch die Wand zu, wie mein Mitbewohner ausgefragt wird. Nach wenigen Minuten ist er auch schon abgefertigt und es klopft an meiner Tür. Zu meiner Überraschung handelt es sich vermutlich doch um eine Frau, wie auch auf dem Ankündigungsschreiben angekündigt war.
Sie will auch direkt in mein Zimmer kommen, jedoch sage ich gleich, dass ich den Fragebogen selbst ausfüllen möchte und schließe vorsoglich meine Tür hinter mir. Nach einem irritierten Blick sieht sie sich dann um und legt ihren Ordner schließlich auf die Küchenarbeitsplatte, nicht ohne mich mit den Worten „es geht aber ganz schnell“ doch noch dazu bewegen zu wollen, mit ihr den Bogen auszufüllen. Freundlich, aber bestimmt lehne ich ab. Sie müsse mich dennoch einige Dinge fragen, um mich in der Liste abhaken zu können. Es folgt die Datenübergabe von Name, Vorname, Geburtsdatum (interessant! Mein Mitbewohner, mit dem ich fast nichts zu tun habe, ist offenbar 10 Jahre älter als ich! Und die nette Nachbarin mein Jahrgang. Schön dass man sich die gesammelten Daten der Nachbarn einfach anschauen kann während der Befragung…) sowie Wohnungs- bzw. Zimmernummer.
Anschließend fragt die Erhebungsbeauftragte nochmal, ob ich den Bogen wirklich selbst ausfüllen wolle, denn das seien kaum mehr Fragen als sie nun ohnehin schon gestellt habe. Außerdem sei ich der erste (!), der den Bogen selbst ausfüllen will. Ich bejahe, sie trägt irgendwelche Nummern ein, erst falsch, dann richtig („achja, Sie wollen ja selbst ausfüllen…“), dann gibt sie mir den Bogen und fragt, ob ich per Internet oder Post abschicken möchte. Für den Postversand bekomme ich noch einen A4-Briefumschlag – was für eine Verschwendung für ein Blatt Papier – mit den Worten „ist schon frankiert, nicht wie es in der Presse stand!“. Ich bedanke mich und öffne schon mal die Türe, damit sie gehen kann.
Doch offenbar hat sie immer noch Hoffnung, ihre 5 € Provision für ein Interview zu erhalten, und fragt mich „nur aus Neugier“, warum ich den Bogen selbst ausfüllen möchte, weil das „bisher niemand“ wollte.
Wahrheitsgemäß antworte ich, dass ich meine privaten Daten nicht Fremden gebe. Sie entgegnet, dass sie ja den Staat vertrete und zum Stillschweigen verpflichtet sei. Das sei nicht, weil ich ihr nicht vertraue, antworte ich, aber ich möchte den Bogen trotzdem lieber alleine ausfüllen.
Endlich geht sie, und ich habe jetzt einen zweiseitigen Fragebogen in modischem lila, der neben Namen, Geburtstag und Geschlecht auch wissen möchte, wo ich geboren bin, welche Staatsangehörigkeit und welchen Familienstand ich habe, ob ich weitere Wohnungen habe und wann ich eingezogen bin (keine Ahnung!). Außerdem die Frage, ob die Wohnung die Führung eines eigenen Haushalts ermöglicht. Hier tendiere ich zu „Nein“, da ich keinen Backofen habe und praktisch auf das Mensaessen angewiesen bin…?
Interessant auch, dass im Fragebogen stets auf die „beigefügte Unterlage“ mit der Liste der Staaten-Abkürzungen eingegangen wird. Ich habe keine beigefügte Unterlage erhalten, werde also wohl einfach raten, was die korrekten Abkürzungen sind.
Alles in allem wirklich eine seltsame Geschichte. Zumal das liebe Studentenwerk schon angekündigt hat, dass es diverse Daten über mich übermittelt hat; die restlichen Daten weiß das Einwohnermeldeamt, das die gleiche Adresse hat wie die Erhebungsstelle. Wenn schon Datenzusammenführung, dann richtig, möchte man meinen. Aber so eine direkte Befragung stärkt das Image des Überwachungsstaats natürlich viel schöner. Dass ich in einem lebe, ist mit heute wieder bewusst geworden.
Achja, und leider habe ich vergessen, die Erhebungsbeauftragte zu fragen, ob sie in der NPD ist.
